Was 2006 in einer kleinen Scheune in Eimeldingen begann, hat sich zu einem beliebten Festival am Nimburger Baggersee entwickelt. Michael Bührer gibt uns im Interview einen Einblick, warum das 20. Burkina Faso Benefizz Rock Festival auch das letzte Festival sein wird – und warum 14 Kühlschränke zu viele sind!
Zwanzig Jahre Burkina Faso Benefizz Rock: Hättest du beim ersten Festival gedacht, dass es mal soweit kommt?
Natürlich nicht. Beim allerersten Festival gab es noch gar keine langfristigen Pläne. Da gab es erstmal einen ganz kurzfristigen Plan, ein Praktikum in Burkina Faso zu machen. Ich hatte auch schon ein Projekt im Sinne, für das ich Geld sammeln wollte, und dafür haben wir eine Party gemacht und ein bisschen gegrillt.
Ich hab alle Leute eingeladen, die ich kannte, und die Musiker, die ich kannte, haben gespielt. Wir haben einfach zusammen ein Fest gefeiert, alle haben was fürs Bier und fürs Essen bezahlt, und dadurch kam ein bisschen was zusammen für das Projekt, das ich machen wollte. Ich hab noch die Abrechnung: Ich glaube, wir haben 400 Euro ausgegeben, und 800 Euro eingenommen.
Welches Projekt war das?
Das Praktikum war ein Projekt mit Mikrokrediten. Dadurch bin ich dann auch direkt in 9 Dörfer gefahren und habe mit denen zusammengearbeitet. Sowas ist heutzutage nicht mehr möglich, die Dörfer sind zum größten Teil vom IS zerstört. Da waren in den letzten 5 Jahren keine Weißen, weil das einfach nicht mehr sicher ist.
Aber in diesen Dörfern habe ich sehr viel gesehen. Die hatten unterschiedlichste Defizite, die sie an mich herangetragen haben. Es geht immer entweder um eine Schule, die sie haben wollen, oder eine Krankenstation, oder einen Brunnen. Und das Vierte war dann die Mühle. Die ersten drei sind Investitionen im mindestens 5- bis 6-stelligen Bereich, aber bei der Mühle hab ich gedacht: Das kann man mit relativ einfachen Mitteln einfacher machen als die, die damals mit 2 Steinen Getreide zerrieben hatten.
Und deshalb wolltest du nach deinem Praktikum noch einmal nach Burkina Faso? Und hast nochmal ein Fest gemacht?
Ja, die Grundidee war im Jahr darauf war noch aktuell, und dann hab ich den Verein gegründet. Und danach war klar, dass das auch eine regelmäßige Sache werden könnte.
Ich bin dann wieder nach Burkina Faso, um dieses Mikrokredit-Projekt weiterzuführen und habe angefangen, die erste Fahrradmühle Burkina Fasos zu entwickeln und zu bauen.
Es war schon das zweite Mal, dass ich auch Spenden eingesammelt hatte. Und dann war klar: Das muss offiziell sein. Deshalb habe ich im Februar 2008 dann Movement e.V. gegründet. Im ersten „o“ war das Logo ein Mühlstein, weil die Mühle das Projekt war.
„Die erste Fahrradmühle Burkina Fasos“ – war das eine neue Erfindung?
Ja, das war eine neue Idee. Ich kam aus Burkina Faso zurück und die Idee war, wir bauen eine Mühle, wo ein Esel drumherum läuft, um den Stein zu drehen. Wir haben die ersten Prototyp-Versuche in Deutschland gemacht, und ich wollte mit dem Fahrrad drumherum fahren.
Mein Kumpel, mit dem ich das Projekt gemacht habe und der heute noch Projektleiter ist, ist Ingenieur. Der hat gesagt: Wenn wir mit dem Fahrrad drumherum fahren, können wir das Fahrrad doch auch direkt an die Mühle dranbauen. Das haben wir gemacht, ich habe das den Leuten in Burkina Faso gezeigt und die haben gesagt: „Das ist ja so genial, das müssen wir unbedingt bauen!“
Hat sich das in der Praxis bewährt?
Im Dorf war die Begeisterung nicht ganz so groß, weil das in-die-Pedale-Treten schon sehr anstrengend ist. Deshalb sind wir irgendwann zum Schluss gekommen: Es muss einfach sein, wir brauchen einen Motor. Heute heißt das Projekt „Solarmühle“ und läuft mit Elektromotor, Solarpanelen und Batterie.
Wir haben die Fahrradmühle von 2007 bis 2012 immer weiterentwickelt, 2012 lief sie zum ersten Mal mit Motor. Und da mussten wir dann so viele Dinge ändern, dass wir gesagt haben: „Wir brauchen einen komplett neuen Prototypen.“ Den haben wir 2013 gebaut.
2019 haben wir die erste Solarmühle Burkina Fasos in Betrieb genommen und zwei der Mühlen sind noch betriebsfähig.
Das sind also die Projekte, die mit den Einnahmen vom Festival finanziert wurden?
Genau. Das zweite Projekt war der Tonkühler, da haben wir 2009 dran gearbeitet.
Wie liefen diese ersten Festivals ab, vor etwa 20 Jahren?
Ganz am Anfang war es noch ein einer Scheune in Eimeldingen. Quasi bei mir daheim.
2009 waren wir dann das erste Mal am Nimburger Baggersee, zusammen mit Curly am Baggerseekiosk. Da haben wir aus dem Kiosk heraus bewirtet und mussten am Sonntagmorgen immer Bier besorgen, weil wir seine Vorräte geplündert hatten.
2010 sind wir zum ersten Mal aus allen Nähten geplatzt. Das war das zweite Jahr am Baggerseekiosk. Wir hatten auch ein tolles Rahmenprogramm, das die Leute angezogen hat: super Wetter, der Baggersee war voll. Da ging uns dann auch immer das Essen und das Trinken aus. 2011 haben wir dann das Anglerheim dazu gemietet, weil die Bewirtung vom Kiosk nicht mehr ausreichend war.
Wie hat sich das Festival über die Jahre weiterentwickelt und verändert?
2011 kam zum Beispiel das Kinderprogramm dazu. Meine Schwester hatte schon Kinder, und wir dachten zuerst: „Wie bitte, Kinderprogramm? Das ist doch eine Rock-Fete!“ Aber es hat funktioniert: Die damaligen Kinder sind heute Teamleitung.
2016 war ein totaler Reinfall. Es war mega schlechtes Wetter. Insgesamt war es das schlechteste Jahr, da hatten wir so gut wie gar keinen Erlös. Im Anschluss haben wir entschieden, den Ort zu wechseln und waren ab 2017 am DLRG-Heim. Das war erstmal super cool, weil wir viel Platz hatten, der nur für unsere Besucher reserviert war. Wir waren nicht mehr an einem öffentlichen Ort, sondern auf dem eigenen Platz.
Das war super, bis wir das Festival wegen Covid zwei Jahre lang nicht durchführen konnten. Das war der Knackpunkt, nach dem wir nicht mehr über die 400-Besucher-Marke gekommen sind. Das hat verschiedenste Gründe, die zusammenwirken; die Event-Landschaft hat sich auch stark verändert.

20 Jahre ist eine lange Zeit. Denkt ihr manchmal ans Aufhören?
Wir haben jetzt entschieden, dass es dieses Jahr das letzte Festival wird. Das hat vor allem wirtschaftliche Gründe. Die Gastro-Einnahmen vom Festival sind seit Jahren rückläufig. Die Kosten steigen; es wird immer schwieriger, entsprechende Gewinne zu erwirtschaften. Also ist das die Konsequenz und die Entscheidung.
Außerdem sind die Besucherzahlen ein bisschen zurückgegangen, weil es viele Parallelveranstaltungen gibt. Vielleicht auch, weil wir älter werden und nicht mehr die Magnet-Wirkung haben wie früher. Bei vielen Leuten, die das Festival mitgestaltet und mitgeholfen haben, war die Tendenz eher, alle zwei Jahre zu kommen – auch bei den Besuchern.
Im Gegensatz zum African Music Festival, zum Beispiel, fällt es uns sehr schwer, auf einen grünen Zweig zu kommen. Wir können das einfach nicht so professionell vermarkten, als ehrenamtlicher Verein.
Das Konzept ist etwas in die Jahre gekommen. Mit der Zeit sammeln sich viele Strukturen an, und es ist relativ schwierig, das wieder schlanker zu machen. Ich denke, es ist ein guter Zeitpunkt, um einen Schlussstrich zu ziehen. Dadurch entsteht Raum für neue Ideen.
Fiel es euch schwer, diese Entscheidung zu treffen?
Es finden alle mega schade, dass es das letzte Festival ist. Das geht uns auch so.
Der Wert oder Zweck des Festivals ist das kulturelle und musikalische Angebot: Dass man regionalen Bands eine Bühne bietet. Das ist aber nicht unser Vereinszweck: Wir sind kein Musikverein, sondern ein Entwicklungshilfeverein. Wir versuchen das immer auch mit Kooperationen, die jetzt mit dem Music Lab einmalig stattfindet, damit wir entsprechenden Nachwuchsbands eine Bühne bieten. Und auch mit der Klimperstube e.V. aus Hugstetten, die sich mit einbringt.
Aber wir als Verein haben Lagerkosten für die Bühne, all dieses Material, das man vor allem für Musik-Auftritte braucht. Das ist für uns nicht mehr zu stemmen.
Wenn ich nochmal ein Fest als Veranstalter machen, dann mit einem neuen Konzept, ohne 14 Kühlschränke.
Der Aufwand ist größer als der Nutzen.
Ja, wir haben bestimmt 1000 Stunden Ehrenamt in der Planung und Durchführung des Festivals. Dann sollten mehr als 1000 Euro übrigbleiben. Der Stundenlohn war schon immer schlecht, aber 1 Euro pro Stunde ist ein sehr schlechter Stundenlohn. Früher waren wir mal bei 5, also 5000 Euro Einnahmen. 2015, im besten Jahr waren es sogar mal 8000 Euro, da waren etwa 1000 Leute da.
Ein Highlight. Gab es auch andere Highlights über die Jahre?
Wir sind ja alle paar Jahre aus allen Nähten geplatzt. Aber für mich waren die eigentlichen Highlights die Bands. Die meisten waren nach dem Auftritt bei uns nie mehr für sowas verfügbar: Die waren dann zu Größerem berufen. Früher war das Festival ein richtiges Sprungbrett. Wir sind auch immer auf Band Contests in Freiburg gewesen und haben uns dort meistens eine Band, die uns gut gefallen hat, geholt. Über die Jahre sind fast 100 Bands aufgetreten.
Die erste große Band war sicherlich Dismissed, die mittlerweile sehr bekannt ist in der Regio. Sie spielen jedes Jahr auf dem Gassenfest und sind da ein großer Publikumsmagnet. Sie haben in Eimeldingen gespielt, auf dem allerersten Festival. Und noch ein zweites Mal am Baggersee, 2009.
Die Felsen aus Mannheim waren auch eine richtig coole Band. Mit dem Sänger sind wir bis heute befreundet. Der war dann auch nochmal mit Gringo Mayer da, seiner anderen Band. Er ist momentan richtig erfolgreich und singt inzwischen auf Mannheimer Dialekt, tourt durch Deutschland und kann davon leben.
Auch noch in die Zeit fällt Neo Rodeo. Die hatten einen super Auftritt bei uns und haben auch kurz danach einen Plattenvertrag unterschrieben.
Die erste Hip-Hop Band, die wir dahatten, war Lingulistik. Du warst da auf dem Konzert und dachtest dir: „Alter, was spielt da für eine abartig geile Band für Umme am Baggersee! Wie schön kann’s eigentlich werden?!“ Da haben ganz viele Leute nachgefragt, und auch die Band hat kurz danach einen Plattenvertrag unterschrieben und ist noch ein bisschen bekannter geworden. Emmendingen Lebt zusammen mit Warrior Sipgate 2024 war auch echt cool.
Wir hatten auch richtig gute Rockbands: Sporr, Bonnie Blade & the b-flat canaries oder Black Armadillo. Kein Newcomer, aber einfach Kult war Die die die Enten suchen. Die gibt es noch, aber sie spielen nur noch ein oder zwei Konzerte im Jahr und wir sind leider nicht dabei. Angry Pony haben mehrere Male gespielt. Sie sind öfter mal eingesprungen, wenn uns irgendeine Band abgesagt hat.
Seid ihr traurig, dass es dieses Jahr nun das letzte Festival ist?
Ich bin echt erleichtert. Ich glaube, alle anderen sind schon ein bisschen traurig. Aber mir reicht’s! Jana [Bührer] macht jetzt fast alles. Man muss alles nochmal neu machen, auf der Gemeinde sind auch alle neu und wir müssen die Vereinbarung neu aushandeln. Am Baggerseekiosk auch, überall muss man sehr viel erklären. Das braucht viel Muße und Zeit. Deshalb spiele ich schon seit 5 Jahren mit dem Gedanken, das Festival von der To-Do Liste zu streichen.
Wir haben zwar teilweise den Generationenwechsel hinbekommen. Aber es gibt ein paar Leute mit wichtigen Aufgaben, die seit 15 oder 20 Jahren dabei sind und jetzt gesagt haben, für sie ist es die letzte Runde. Auch wenn wir junge Leute haben, sind diese Personen nicht einfach zu ersetzen.
Ich persönlich habe inzwischen mehr davon, wenn ich ein kleines Fest organisiere, vereinsintern, und Zeit habe, dort auch mit allen Mitgliedern zu quatschen.
Letztes Jahr haben mich meine Freundinnen gefragt, was denn los ist: „Du bist doch hier der König. Warum bist du nicht besser drauf?“ Aber ich will kein König sein, ich will auch kein Chef mehr sein, da hab ich keinen Bock mehr drauf. Obwohl die anderen mir 2025 so viel abgenommen haben, dass ich das Fest auch richtig genießen konnte.
Also bin ich mit der Entscheidung völlig im Reinen. Ich wusste ganz genau, dass ich nächstes Jahr kein Festival mehr mache. Mir war auch klar, dass es damit insgesamt gegessen ist. Aber seitdem es raus ist, bin ich erleichtert und das ist immer ein gutes Zeichen. Ich hab nicht einmal an der Entscheidung gezweifelt.
Welches Projekt wird jetzt mit dem Erlös des letzten Festivals 2026 finanziert?
Wie schon im vergangenen Jahr sollen die Erlöse dieses Festivals komplett an die Klinik oder Krankenstation (Care Center) gehen. Vor zwei Jahren haben wir damit angefangen. Wir bauen die Praxis mit einem Freund von uns, der dort als Krankenpfleger sehr beliebt ist und große Verdienste bei der Bevölkerung hat. Dort wird er Patienten empfangen und versorgen, wodurch auch Arbeitsplätze entstehen sollen. 20.000 Euro wurden bereits investiert, aber es werden noch etwa 100.000 Euro gebraucht, bis es fertig ist.
Reichen die Einnahmen vom Festival denn, um so ein ambitioniertes Projekt zu finanzieren?
Aktuell haben wir etwa 50.000 Euro pro Jahr an Investitionsvolumen. Das hat sich von Jahr zu Jahr gesteigert. 2013 haben wir die erste Mango-Aktion gemacht und von da an hatten wir andere finanzielle Spielräume als zuvor. Etwa die Hälfte der jetzigen 50.000 Euro kommt direkt aus der Mango-Aktion. Der Rest sind vor allem Spenden: Da gehört auch das Festival dazu, aber die Gastro-Einnahmen sind seit Jahren rückläufig.
Durch die Mango-Aktion wurden Projekte wie die Krankenstation erst möglich?
Durch die Mango-Aktion haben wir angefangen, das erste ökologische Zentrum zu bauen und mit den umliegenden Schulen Baumpflanzprojekte und ökologische Bildungsprojekte zu machen. Das wurde in den letzten Jahren leider sehr schwierig mit dem Bürgerkrieg[1], weil die Schulen geschlossen waren und der Unterricht nicht in diesen Räumen stattfinden konnte. Wir haben angefangen, die Schulen mit Nahrungsmittelspenden zu unterstützen[2], damit die Kinder Mittagessen haben, weil das auch prekär wurde. Daraus ist dann die Idee entstanden, nicht nur Baumpflanzungen zu haben, sondern das Projekt zu Schulgärten weiterzuentwickeln, wo sie dann Gemüse und Getreide anpflanzen, um ihr Mittagessen aufzuwerten. Es ist eine ländliche Gegend, deshalb ist es wichtig, dass die Leute dort Ökologie und Landwirtschaft lernen. Das entspricht inzwischen auch der Richtung der aktuellen Regierung, deshalb ist eine enge Zusammenarbeit mit dem Bildungs- und Forstamt möglich.
[1] https://www.hrw.org/de/news/2026/04/02/burkina-faso-alle-konfliktparteien-begehen-verbrechen-gegen-die-menschlichkeit
[2] Siehe Jahresberichte auf https://movement-verein.org/transparenz/


